Mein Buch des Jahres
Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk von Christoph Wilhelm Aigner.
Dieser Roman hat mich berührt und gefesselt wie seit langem kein Buch mehr.
Der 17-jährige Ich-Erzähler Johann Nepomuk Müller besucht in der oberösterreichischen Provinz um 1970 das Gymnasium, trägt mit Nachtarbeit zum Unterhalt der Rumpffamilie aus Mutter und Sohn bei (die “Zeit post patrem”) und ist talentierter und begeisterer Fußballspieler vor dem Sprung in die Bundesliga. Nach einem Abendtraining wird er Zeuge einer versuchten Vergewaltigung, die er durch tatkräftiges und beherztes Eingreifen verhindern kann. Durch die Begegnung mit der sieben Jahre älteren Mariella nimmt sein Leben eine neue Wendung, es eröffnen sich Welten der Gefühle und der Literatur.
Lakonisch und trocken erzählt der Roman von der Sprachlosigkeit einer von Schlägen und Liebesentzug geprägten Kindheit und Jugend, einsamen Zufluchten (ein Bildband über die Kunstepochen der Menschheit), einer weitgehend verständnislosen Schule, dem eingeprügelten Faustrecht auf der Straße, dem blinden Fleck der ausgeblendeten doch latent permant präsenten Ära des Nationasozialismus und zeigt die fast absurd erscheinende Möglichkeit eines Auswegs aus brutaler Tristess (Fußball, Liebe, Literatur).
Nach dem Versetzen und machohaften Abblitzenlassen eines Mädchens beim Date (“ich wusste nur, dass ich erstmals aus eigener Kraft ein mieses Arschloch war”):
Aber ich hatte eine Rechtfertigung, denn Weiber sind Luder hatte mir die Mutter erklärt, die wollen dich nur einfangen, hüte dich vor den Weibern, das war im Wohnzimmer in der Dämmerung, und warum das Licht nicht eingeschaltet war, weiß ic nicht, jedenfalls stand sie in der Mitte des Zimmers, und es war wie eine Weissagung, ein mystischer Moment, sie stieß das heraus mit weiser Empörung, so schien es, und es schien, sie sagte wahr, mit halb geschlossenen Augen, wie aus sich herausgetreten, denn sie hatte mir noch nie einen Rat gegeben, und ich schluckte ihn wie dürrer Boden Wasser.
Dass dieses Wasser vergiftet war, konnte ich nicht wissen. Das war bereits in der Zeit post patrem, also war ich immerhin schon knapp fünfzehn und hatte bereits das erste Geld aus der Fabrik heimgebracht.
Lass dich bloß mit keiner ein, du bist viel zu jung, die wollen dich nur einfangen und ausnützen. Nein, ich lasse mich nicht einfangen, was immer das auch heißen mag.
S. 59
Zitat zur gewalttätigen Sprachlosigkeit im Elternhaushalt:
Die Eltern, die kaum je was zueinander sagten, das über das Notwendigste hinaus Sinn ergeben hätte, sodass in der Hauptsache immer eine drückende Spannung in der Wohnung herrschte, nahmen jede Gelegenheit wahr, sich über andere entweder lustig zu machen, oder den Kopf über sie zu schütteln, oder sie schlecht zu reden. Sie erhoben sich damit über alles und jeden, was mich allerdings nicht über die Tatsache hinwegtäuschte, dass wir im zweiten Stock des Mietshauses wohnten, und über uns und neben uns andere.[...]
Weiß nicht, wann das geschehen ist, dass ich die Meinungen der Alten nicht mehr automatisch übernahm. Vorher hatte ich mir alles, was sie sagten, zu eigen gemacht, war ganz normal dass, wenn sie wen ablehnten, ich den auch ablehnte. Vielleicht haben sie mich auf Distanz geprügelt. Weil ich es so empfand, dass mich beide prügelten, wenn sie dabei stand und zusah, das war, als würde sie mitschlagen.
S.293/294
Christoph Wilhelm Aigner
Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk
442 Seiten, 2006 bei DVA erschienen.
Abgelegt unter: Literatur Fußball |
Kommentare | Tweet
